von Wolfgang Weiler
(Inhaber Projekt D)

Veröffentlicht am 03.09.2010
Wolfgang Weiler, Gründer und Inhaber Projekt D
Schäferin Nancy Denecke (C)Foto: we
Schäferin Nancy Denecke (C)Foto: we
Nancy Denecke mit Lani, Ziegen und Schnucken
Nancy Denecke mit Lani, Ziegen und Schnucken
Schäferin Nancy und ihr Hütehund Lani mit Heidschnuckenherde
Schäferin Nancy und ihr Hütehund Lani mit Heidschnuckenherde
Heidschnucken, Foto: Landhaus Kiesow
Heidschnucken, Foto: Landhaus Kiesow
Die Heide dankt den Verbiss mit neuem Austrieb
Die Heide "dankt" den Verbiss mit neuem Austrieb
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Traumberuf Schäferin

Wolfgang Weiler, Gründer und Inhaber Projekt D von Wolfgang Weiler am 03.09.2010

Die 24jährige Nancy Denecke kann sich keinen schöneren Beruf für sich vorstellen. Vor sechs Jahren begann sie ihre Ausbildung bei Schäfermeister Gerd Jahnke in Eimke in der Lüneburger Heide. Im letzten Jahr wurde sie als erste Frau in der Geschichte Siegerin im "Bundesleistungshüten" des Vereins Deutscher Schäferhunde.

Was schon von weitem auffällt, sind die hüftlangen blonden Haare, die unter der breiten Krempe des Filzhutes über den schwarzen Mantel der Schäferin fallen. Wie ein Standbild steht sie in der Heide, leicht auf den Schäferstab gestützt, den Blick auf ihre Heidschnuckenherde gerichtet, ihren Schäferhund an der kurzen Leine.

Ein leichter Wind spielt in den Haaren, die schwarzen Regenwolken haben ein blaues Sonnenfenster aufgemacht, die dunkelgrüne Öljacke hat die Schäferin über ihre Tasche gehängt. „Wenn es den ganzen Tag in Strömen regnet oder gar Hagelkörner auf Hut und Ölzeug klatschen, ist das Schäferleben schon hart“, sagt die Hüterin von 280 Schafen, fünf Ziegen und Schäferhund »Lani«. Noch härter sei es nur im Winter, wenn man Stunden lang im Schnee stehe. „Man muss den Tieren Zeit geben, ihr Futter zu finden, da kann ich nicht hin und her laufen, um mich warm zu halten. Das würde die Tiere nervös machen, auch meinen Hund, und wir alle hätten Stress.“

Ziegen "schnucken" die Sträucher, die Heidschnucken die "Erika"

Im Moment würde »Lani« allerdings gerne von der Leine gelassen. Der vierjährige Rüde möchte eigentlich die Herde vom Wald fernhalten. „Für Lani markiert der Waldrand die Grenze des Erlaubten. Er will die Herde auf der Heide halten.“ Hier in der Klein Bünstorfer Heide südlich von Bad Bevensen sollen die Heidschnucken jedoch auch die jungen Kiefern- und Birkenschösslinge „schnucken“, die von den Rändern her das Naturidyll bedrohen. Und deshalb sind auch fünf Ziegen dabei. Sie stellen sich auf ihre Hinterbeine und rücken dem Buschwerk und jungen Bäumen zu Leibe.

Wenn Schnucken und Ziegen zu weit in den Wald drängen, genügt ein kurzes Kommando von Nancy Denecke, um 1140 Beine schnurstracks zur Kehrtwendung zu bewegen. „Die wissen, dass sie sonst von Lani zur Raison gebracht werden.“ Spätestens wenn die Tiere den Namen des Hundes hören, suchen sie schnellstens die Nähe der Schäferin.

Eine Ziege ist der „Leithammel“ für 280 Heidschnucken

Wenn Nancy Denecke gegen 11 Uhr morgens die Herde aus dem Pferch auf der Wiese holt, wo sie die Nacht verbracht hat, tippeln die Ziegen hinter ihrer im langen schwarzen Schäfermantel ausschreitenden Herrin her, die Schnucken folgen, haben die größte Ziege längst als Leithammel akzeptiert. »Lani« sorgt notfalls neben der Herde dafür, dass kein Tier vom rechten Weg abkommt. Ein Bild von beeindruckender Idylle.

„Innere Ruhe, Ausgeglichenheit, ausgeprägte Tierliebe, Vertrautheit mit der Natur und Wetterfestigkeit“ bezeichnet die junge Schäferin als wichtigste Voraussetzungen für ihren Beruf. Und als Frau zusätzlich noch jede Menge „Selbstbewusstsein und Selbstbehauptungswille“. Erst recht, wenn die Schäferin blond ist und auch den Titel einer Frauenzeitschrift zieren könnte. Sie muss eben auch einen hundert Kilo schweren Bock auf den Rücken legen, um ihm die Klauen auszuschneiden. „Das ist alles eine Frage der Technik. Und die habe ich in meiner Ausbildung gelernt. Wie alles andere, was ich brauche.“

Als erste Frau das Bundesleistungshüten gewonnen

Im letzten Jahr gewann Nancy Denecke als erste Frau die „Goldene Schippe“ beim jährlichen Wettbewerb im Bundesleistungshüten des Vereins für Deutsche Schäferhunde – vor ihrem Ausbilder Gerd Jahnke aus der Ellerndorfer Heide. Und so ist sie natürlich auch schon auf Youtube zu sehen.

Auch für das diesjährigen Bundesleistungshüten vom 24. bis 26. September im sächsischen Rochlitz ist sie gesetzt: An ihrer Seite die Rüden Aiko, der Siegerhund aus dem letzen Jahr, und Lani. Beide hat sie selbst ausgebildet. Zu zweit oder dritt müssen sie die für alle Teilnehmer gleiche Wettbewerbsherde aus rund 300 Schafen sicher und ruhig auspferchen, verschiedene Aufgaben erledigen und sie dann wieder unverletzt in den Pferch zurückbringen.

Bevor sich Nancy Denecke für die dreijährige Ausbildung entschied, arbeitete sie in der Nähe ihres Heimatortes Hüttenrode während ihres „Freiwilligen ökologischen Jahres“ in einem Wildpark im Ostharz. „Ich war für den Streichelzoo zuständig und den ganzen Tag mit Tieren zusammen. Die Tierpflegehelfer durften immer nur Ställe säubern und Futter herrichten.“ Also stand fest: Tierpfleger nein, ein Beruf mit Tieren ja.

Familie ja - aber Schäfer-Beruf auch

Für die »Glockenbergsschäferei« von Renate und Gerd Jahnke aus Eimke entschied sie sich, weil diese „auch als Züchter von Schäferhunden einen erstklassigen Ruf haben“. Und mit Schäferhunden war Nancy aufgewachsen.

Vor sechs Jahren begann die Ausbildung bei Schäfermeister Gerd Jahnke in der Ellerndorfer Heide. Jetzt ist Nancy Denecke 24 Jahre alt, seit drei Jahren ausgebildete Schäferin und sicher, dass sie ihren „Traumberuf gefunden“ hat. Und in dem will sie bleiben, in zwei Jahren vielleicht sogar die Meisterprüfung ablegen.

Ihr Partner weiß, dass sie „keine Frau mit Achtstunden-Job und geregelter Büroarbeitszeit“ ist. Der Familienplanung stehe das aber nicht im Weg. Die strahlend blauen Augen versichern: „Da mache ich mir keinen Kopf. Es gibt ja auch noch Omis …“ Außerdem könnte sie sich „gut vorstellen, das Kind beim Hüten mit dabei zu haben“. Da die Herde mit über 1100 Tieren meist in der Ellerndorfer Heide rund um Eimke „schnuckt“, wo Nancy Denecke mittlerweile wohnt, wird es wohl gehen.

Ob Regen, Schnee oder strahlende Sonne – gemeinsam mit ihren Hunden verbringt Nancy Denecke die Tage des Jahres bei Heidschnucken, Schafen und Ziegen im Freien. Von der Geburtshilfe in der Lammzeit über die Pflege der Tiere bis zur Vermarktung ist sie an sieben Tagen der Woche gefordert.

Noch bis zum 15. September in der Klein Bünstorfer Heide

Dass Nancy Denecke einen Teil der Herde bis Mitte September zwei Tagemärsche von zu Hause weg in der Klein Bünstorfer Heide hütet, hat mit einer Facette ihres Berufes zu tun, die immer seltener wird: die Auftragsbeweidung. Hier bezahlt der Verein Bad Bevenser Heide e.V. vier Wochen lang dafür, dass die Klein Bünstorfer Heide fachgerecht beweidet und damit nachhaltig bewahrt wird.

Bis zum 15. September kann man Nancy und »Lani« noch jeden Tag zwischen 11 und 17 Uhr südlich von Bad Bevensen besuchen. Nur Anfang September nicht, da fährt sie mit dem Meister und »Lani« zur Prüfung. Danach darf er vielleicht mit zum Bundesleistungshüten.

Hütehunde selbst ausgebildet

»Lani« heißt eigentlich „Elan aus der Glockenbergsschäferei“. Wie „Aiko aus der Glockenbergsschäferei“ hat Nancy Denecke auch diesen Rüden aus der Zucht ihres Chefs zum Hütehund ausgebildet – und nun soll er beweisen, was er kann. Das ist auch wichtig für die Versicherung, falls doch mal was passiert. „Wenn wir an Straßen lang ziehen, machen es sich unverantwortliche Autofahrer zum Sport, die Herde durch Hupen und Rasen zu beunruhigen. Und da muss der Hütehund besonnen reagieren.“

In Teilen Sachsens bräuchte sie zusätzlich noch einen ausgebildeten "Herdenschutzhund“. Der Wolfsrudel wegen. Aber in der Lüneburger Heide gibt es noch kaum Wölfe, vor denen "Lani" die Schnucken und Ziegen schützen müsste. Hier hält er die Herde zusammen und schützt seine Schäferin. „Manchmal sind wir ja auch in sehr einsamen Gegenden, da muss ich mich auf meinen Hund verlassen können.“

Die Blonde und der Schwarzgelbe sind ein eingespieltes Team. Der vierjährige Rüde ist zwar noch stark auf seine Schäferin fixiert. Aber er lernt gerade, dass die Herde auch am Waldrand schnucken darf – weil seine Schäferin das will. Und dass er mich auf Gesprächsnähe ran lassen darf, weil sie auch das will. Die Herde schnuckt sich derweil durch die Heide, die blauen Augen der Schäferin blitzen noch einmal auf, dann tauchen sie wieder in den Schatten der breiten Hutkrempe.