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Projekt D Tourismus › Blog

Sind Bauern politisch besser verdrahtet als Touristiker?

Ulrike Regele, Referatsleiterin Handel und Tourismus des DIHK, fragte im Facebook-Forum der Deutschland-Touristiker: "Wie schafft es die [Tourismus-] Branche endlich mehr Power und Einfluss zu gewinnen? Was können die "Bauern" besser als die Touristiker? Ist es die Zersplitterung in Tausende von Verbänden, die die Tourismusbranche so schwach dastehen lässt? Sind die "Bauaern" einfach besser politisch verdrahtet?"

Seltsamerweise hat sich keiner der direkt Betroffenen geäußert. Ich wage deshalb eine zugespitzte Antwort: "Bauern" sind nicht "besser verdrahtet". Sie sind nur nicht so abgehoben wie manche Touristiker. Sie stören Ihre Akteure nicht durch selbstdarstellerischen Aktionismus und selbstherrliches Hineingrätschen.

Ich will die These erläutern - und stelle sie gerne zur Diskussion:

Bauern sind geerdete Menschen, Touristiker oft nur Überflieger

"Bauern" sind meist geerdete Menschen. Sie wissen sehr genau um ihren begrenzten Einfluss. Politisches Taktieren liegt den meisten nicht, das delegieren sie an ihre Verbandsvertreter. Diese poltern los, weil sie wissen, dass kein "Bauer" ihnen dazwischen funkt und dass Politiker der Harmonie wegen viele Zugeständnisse machen. Und dass in der Wahrnehmung der Mehrheit vermutlich derjenige Recht hat, der sich am weitesten vorwagt. (Sonst würde er es ja nicht tun, da sich keiner gerne eine Blöße gibt ;-)

Touristiker dagegen sind oft nur Überflieger auf der Suche nach Schönwetterwolken. Schon ab Regionalebene stufen die meisten ihr Taktieren und Umherschweben als "politisch" ein. In ihrem beschränkten Wirkungskreis werden sie hoffiert, angegriffen, zitiert. Sie taktieren tatsächlich und notgedrungen - und glauben, keiner könne es in der gegebenen regionalen Situation besser. Denn schließlich vertreten sie ein einzigartiges Gebilde.

Warum sollten Touristiker also Verbandsvertretern ein Mandat geben, für sie zu sprechen. Jene können die Komplexität "vor Ort" doch gar nicht richtig einschätzen!

Und doch ahnt auch der Überflieger, wie viel heiße Luft zwischen seinen Höhenflügen und der Realität am Boden liegt. (Wenn die Luft abkühlt, senkt sie sich als Nebel zwischen Überflieger und Bodenpersonal.)

Tausende von Verbänden als Ausdruck der relativen Hilflosigkeit

Die von Ulrike Regele zitierten "Tausende von Verbänden" sind das heimliche Eingeständnis der relativen Hilflosigkeit. Man sucht Halt in der Gruppe gleich denkender, gleich leidender und ähnlich geschwächter Mitstreiter, schart sich um ein Fähnchen und bestärkt sich in der Abgrenzung.

Tatsächlich entsteht Stärke so nicht. Im Gegenteil: Das System wird schwächer. Nur das Lamentieren lauter. Es hört aber keiner zu, weil es wie ein tausendfaches Geraune über allem liegt.

Die zitierten "Bauern" sind meistens leiser. Sie machen ihre Arbeit. Für sie spricht ja der lautstarke Verbandsvertreter. Der wird vielleicht belächelt - aber gehört und bis zu einem Grade, der ihn erfolgreich scheinen lässt, von Medien und Politik sogar ernst genommen.

Wenn ein Touristiker sich so deutlich positionieren würde, wie ein Verbandsvertreter der Landwirtschaft, dann Gnade ihm Gott. Er hätte sofort die überwältigende Mehrzahl der geäußerten Meinungen anderer Touristiker lautstark und despektierlich gegen sich. Er hätte vor lauter Abwehr seiner Kollegen gar keine Chance im politischen Raum zu wirken. Tatsächlich scheinen manche Touristiker mehr Freude am Ausbremsen ihrer Kollegen zu haben als an der konstruktiven und kooperativen Veränderung des Systems.

Um also die Frage von Ulrike Regele zu beantworten: "Bauern" sind nicht "besser politisch verdrahtet". Zumindest nicht vordergründig. Sie stören einfach nur ihre beauftragten Verbands-Akteure nicht durch selbstdarstellerischen Aktionismus und selbstherrliches Hineingrätschen.

Teamfähigkeit wäre wichtiger als Selbstdarstellung

Was wir im Deutschlandtourismus vorrangig brauchen, ist mehr Teamfähigkeit, mehr gemeinsames Wollen (ohne Vereinsmeierei), weniger separatistische Bestrebungen und mehr gemeinsames Eintreten für den Erhalt der Geschäftsgrundlage. Dafür hätte nämlich jeder was zu bieten.

Einen Kuchen backt keiner mit 500 Gramm Mehl, 500 Gramm Salz, 500 Gramm Sahne ... Nur im Tourismus will mindestens jeder genauso gewichtig sein wie der andere.

Ja, ich weiß: Das Ganze ist vielschichtiger. Ich habe ganz viel nicht bedacht! Tun Sie es! Aber vergessen Sie dabei nicht, nach vorne zu gehen. Doch vorsichtig. Bei einer 360 Grad Rundumsicherung weiß man am Ende nicht so leicht, wo wirklich vorne ist.

1 Kommentar

WilliamDef am 06.05.2016
A big thank you for your forum topic.Much thanks again. Keep writing.

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