von Wolfgang Weiler
(Inhaber Projekt D)

Veröffentlicht am 29.05.2010
Wolfgang Weiler, Gründer und Inhaber Projekt D
Chart aus der Pressemitteilung
Chart aus der Pressemitteilung
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Meinen die BAT-Zukunftsforscher, was sie schreiben?

Wolfgang Weiler, Gründer und Inhaber Projekt D von Wolfgang Weiler am 29.05.2010

Deutsche Sprache, schwere Sprache – schon geringfügige Wortverschiebungen verändern den Sinngehalt eines Satzes enorm. Das zeigt sich einmal mehr in der Pressemitteilung der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen vom 28. Mai zu ihrem "Freizeitmonitor 2010".

Gleich im 1. Absatz starten Dr. Ulrich Reinhard und seine Zahlenexperten einen denkwürdige Erklärungsversuch für die Ergebnisse der Studie: "Doch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten muss man sich ein vielfältiges und abwechslungsreiches Freizeitverhalten auch leisten können." Stimmt der Satz nicht auch ohne die "wirtschaftlich unsicheren Zeiten"?

Oder wurde er einfach nur gebraucht, um Dr. Reinhardt die nachfolgende Zusammenfassung seiner Befragungsergebnisse zu rechtfertigen? "Daher überrascht es nicht, dass die Bundesbürger es sich am liebsten zu Hause bequem machen." (Man beachte die Wortfolge des Satzes.)

Damit scheint alles klar: Die Zeiten sind schwierig, die Bundesbürger bleiben zu Hause und machen es sich dort bequem. Dass dem nicht so ist, könnte man zwar leicht bei einem Blick auf das Alltagsgeschehen in Deutschlands Straßen sehen. Aber in der BAT-Version ist der Satz einfach besser als Schlagzeile geeignet.

Wenn die BAT-Freizeitforscher in ihrer epochalen Schlussfolgerung jedoch die zwei Wortpaare „am liebsten“ und „zu Hause“ miteinander vertauscht hätten, würde der Satz die erhobenen Daten schlüssig beschreiben – aber eben nicht mehr die manipulative These stützen, dass wirtschaftlich schwierige Situationen unmittelbare Auswirkungen auf die Freizeitaktivitäten haben.

Ob die Freizeitforscher einfach keine Ahnung von der feingliedrigen Semiotik unserer Sprache haben? Oder wollten sie sich vielleicht nur selbst über die Belanglosigkeit der Erkenntnisse hinwegtrösten?

Der Erkenntnis-Zuwachs aus dem „Freizeitmonitor“ ließe sich nämlich auch relativ unspektakulär so formulieren: "dass die Bundesbürger es sich zu Hause am liebsten bequem machen." (Man beachte die Veränderung im Sinngehalt durch das bloße Umstellen von zwei Wortpaaren)

Klar machen es sich die Bundesbürger "zu Hause am liebsten bequem" – wo denn sonst? Und wozu sonst ein Zuhause? Die BAT-Forschung kann das mit gewichtigen Auswertung ihrer "Repräsentativbefragung" stützen: 97 % der Bundesbürger sehen in ihrer Freizeit "mindestens ein Mal pro Woche" fern, 91 % telefonieren, 89 % hören Radio.

Noch mehr gefällig? (Zitat:) "Neben dem Lesen von Zeitungen/Zeitschriften (79%) widmen sich die Bundesbürger […] in erster Linie der Familie (72%) und dem Partner (67%). Aber auch der ganz persönlichen Freizeitgestaltung kommen die Bundesbürger regelmäßig nach: So nehmen sich knapp drei Viertel der Bevölkerung die Zeit ihren Gedanken nachzugehen (71%). Zwei Drittel schlafen aus (65%) und die Hälfte genießt das Faulenzen und Nichtstun (50%)." (Zitatende)

Alles ein Beleg dafür, dass wir uns in wirtschaftlich schwierigen Zeiten befinden und es uns deshalb am "liebsten zu Hause bequem" machen?

Augenscheinlich zur eigenen Überraschung haben die BAT-Forscher herausgefunden: "Fast 30 von 80 Freizeitaktivitäten werden mittlerweile öfter von Bürgern mit einem niedrigen Einkommen (unter 1000 Euro monatliches Nettoeinkommen) als von den Besserverdienenden (Nettoeinkommen über 3500 Euro)." Neben dem "spontan das tun, wozu man Lust hat" zählen dazu nach BAT-Erkenntnis Freizeitaktivitäten wie Sudoku lösen, sich in Ruhe pflegen, Nachbarn und Freunde treffen oder Spazierengehen.

"Selbst in einigen sportlichen Bereichen sind die Geringverdienenden häufiger aktiv: Sie fahren mehr Rad, gehen öfter wandern und tun häufiger etwas für Ihre Gesundheit." (Anm.d. A.: als die Besserverdienenden)

Ja Heilixblechle! Was schließen wir jetzt daraus? Suggerierte nicht der Anfang der BAT-Meldung, alle Geringverdiener verkröchen sich vor der Krise in ihre vier Wände?

Am Ende zündet BAT-Chef Dr. Reinhardt dann noch ein kleines Sozialfeuerwerk: "Einher geht hiermit eine Aufwertung sozialer Freizeitaktivitäten im Nahbereich von Wohnung und Wohnquartier – eine für die Gesellschaft sehr positive Entwicklung".

Ja das lässt sich doch hören! Könnte man vielleicht durch eine etwas fundierter angelegte Studie untermauern! Die Eingangsthese hieße schlicht: Mehr Geringverdiener – mehr positive gesellschaftliche Entwicklung.

Vielleicht gibt man das Geld aber besser gleich den Geringverdienern. Das erspart uns die Studie. Denn wer weiß, wie deren Ergebnisse daher kommen …

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Und was denken Sie?

Mich interessiert Ihre Meinung zu "Freizeit in der Krise". Und: Machen Sie es sich am liebsten zu Hause bequem oder machen Sie es sich zu Hause am liebsten bequem?

Zum Nachlesen: Hier geht es zu "Forschung aktuell 223, vom 28.05.2010": www.stiftungfuerzukunftsfragen.de


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